 |
Sogar Schauspieler können Theater spielen
Eine Einführung ins "Theater der Unterdrückten" von
Augusto Boal
Boalworkshop in Augsburg |
 |
|
Augsburger Allgemeine Zeitung, 1992
© F. Bronner, Berlin
|
Diese Woche im Augustanasaal im Annahof (Augsburg): 40 Theaterleute,
Pädagogen, Therapeuten aus der Jugend- und Erwachsenenarbeit bekommen Anleitungen
zur Praxis des "Theaters der Unterdrückten". Eine/r geht in die Mitte,
beginnt mit einer Bewegung und einem synchronen Geräusch, nach und nach
baut sich jede/r selbst in diese "Maschine" ein: Die "Hass-Maschine", die "Liebes-Maschine",
die "Bayern-Maschine". Eine Mass Bier wird immer wieder gehoben, ein Fass Bier
immer wieder angestochen, Schuhplattln und Jodeln sind natürlich auch zu
sehen und zu hören. Auf einer Seite der Maschine jedoch tippen sich mehrere
Teilnehmer rhythmisch mit dem Finger an den Kopf: die spinnen, die Bayern.
Angelika Albrecht-Schaffer vom Evang. Jugendwerk im Annahof
hat für eine Woche Augusto Boal nach Augsburg gebracht. Der sechzigjährige
Brasilianer war 1956 - 71 Leiter des Teatro de Arena de Sao Paulo und entwickelte
dort das Konzept für das "Theater der Unterdrückten". Nach dem Militärputsch
1971 wurde er verhaftet und gefoltert. Freigelassen auf internationalen Druck
(Sartre, Beauvoir, Arthur Miller u.v.m.), musste er ins Exil nach Argentinien,
Portugal und schließlich Paris. Nun lebt er wieder in Brasilien und bemüht
sich um den Aufbau und die Betreuung von Gruppen und Zentren, die mit dem "Theater
der Unterdrückten" arbeiten.
Das "Theater der Unterdrückten" ist eine Form des Theaters,
das den Zuschauer weder unterhält, noch belehrt. Es macht Zuschauer zu
"Zu-Schau-Spielern" (engl. "Spect-Actors"), erteilt ihnen das Wort und bezieht
seine Dynamik aus ihren Ideen. Das "Theater der Unterdrückten" entwirft
ein Handlungsmodell für die Zukunft und muss daher immer von einem konkreten
Anlass ausgehen. Allgemeine, abstrakte Themen wie "der Klassenkampf" oder "die
Befreiung der Frau" sind für dieses Theater untauglich. Ein Streik wird
vorbereitet, ein Stadtviertel benötigt einen Kinderladen, die sexuelle
Belästigung einer Frau am Arbeitsplatz - das sind konkrete Themen.
Boal: "Ich glaube jeder hat die Fähigkeit Theater zu spielen,
sogar Schauspieler. Wenn ein Schauspieler handelt, so tut er dies anstelle des
Zuschauers, er hält den Zuschauer davon ab, es zu tun. Wenn ein Zuschauer
agiert, so tut er dies stellvertretend für alle Zuschauer, die ihm gleich
sind. Was ein Zuschauer kann, können alle. Der "begnadete Künstler"
dagegen präsentiert Leistungen, die ich nur bewundern darf, zu denen ich
selbst nicht fähig bin."
Nach Boal entsteht Unterdrückung, wenn Kommunikation zum
Monolog verkommt: z.B. Weisse, Männer, Arbeitgeber monologisieren. Aufgelöst
wird die Unterdrückungssituation durch die Wiedereinführung des Dialogs.
Das "Theater der Unterdrückten" benutzt verschiedene Methoden:
Wahrnehmungsübungen und -spiele, "Zeitungstheater", "Statuentheater", "Unsichtbares
Theater" und als versierteste Technik das "Forumtheater". Aus einem konkreten
Unterdrückungserlebnis wird eine Szene erarbeitet und diese einem Publikum
gezeigt, ohne jedoch eine Lösung anzubieten. In der Wiederholung sind die
Zuschauer aufgefordert, Schauspieler zu ersetzen. Boal: "Die Zuschauer sollen
ihre eigenen Ideen einbringen, es genügt aber nicht, dass sie davon reden,
sie müssen sie spielen."
Natürlich besuchte Boal in dieser Woche das Brecht-Geburtshaus.
In Augsburg ging es ihm allerdings wie Brecht zu seiner Zeit - die Kulturverantwortlichen
nahmen keine Notiz von seinem Aufenthalt.
|
 |