Streiflichter von der ARS ELECTRONICA in Linz
Künstler präsentieren ihren Umgang mit der Technik
ARS ELECTRONICA in Österreich |
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CHIP Computer-Magazin, 1991
© F. Bronner, Berlin
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Zum zehnten Mal fand die ARS ELECTRONICA statt: Dieses jährliche Kunstfestival ist ganz der Verbindung von Elektronik und Kunst gewidmet. Nirgendwo anders gab es bisher eine vergleichbare Szenerie wie in dieser einen Woche im österreichischen Linz. "Out of Control" (Ausser Kontrolle) war das Thema 1991: moderne Technik im Golfkrieg, Umweltschäden als Folge der Industrialisierung, Roboter übernehmen die Kontrolle über die Welt. Gezeigt wurden jedoch kreative Anwendungen von "sympathischer" Technik und Maschinen, die zum Mitmachen einluden.
PRIX ARS ELECTRONICA 1991
Zum Wettbewerb des PRIX ARS ELECTRONICA hatten 600 Künstler aus 29 Ländern 1200 Arbeiten eingereicht. Dotiert mit DM 42.000 ist die GOLDENE NICA für Computeranimation eine der weltweit begehrtesten Trophäen in dieser jungen Kunstrichtung. Die Gewinner in den Sparten Computergraphik und Interaktive Kunst können immerhin noch DM 21.000 mit nach Hause nehmen.
GOLDENE NICA Computeranimation
Der 1. Preisträger, der Amerikaner Karl Sims von der Thinking Machines Corporation, verwendete für seine zweieinhalbminütige Geschichte über die Verbreitung von Leben im All, "Panspermia", eine Connection Machine System CM-2, mit 64.000 Parallelprozessoren.
James Duesing, ebenfalls USA, Gewinner einer Auszeichnung, erstellte seine Science-Fiction-Geschichte "Maxwell's Demon" in eineinhalb Jahren auf einem PC-AT 286.
GOLDENE NICA Computergraphik
Bill Woodward, USA, bekam den Preis für seine abstrakten, transparenten Formen und Flächen, weil er "den Zustand der elektronischen Künste in ihrer fortgeschrittensten technischen Form am überzeugendsten darstellt".
Ausgezeichnet wurde auch der Berliner Maler Arthur Schmidt. Seine Bilder im Stil des Informel der 50er Jahre sind mit ihrer absoluten Oberfläche und Transparenz nur durch Technik realisierbar.
GOLDENE NICA Interaktive Kunst
Die Sparte Interaktive Kunst ist die jüngste,innovativste und am wenigsten spezifizierte Computerkunst: kommunizierende Roboter, virtuelle Räume, von Computern gesteuerte Performances. Die Künstler sind gleichzeitig Techniker, Entwickler und Programmierer in einer Person.
Paul Sermon, GB, benutzte einen handelsüblichen Commodore Amiga-PC für seine Multimedia-Installation. Mit Hilfe eines Joysticks konnte man seine Darstellung der Selbstverbrennung eines jungen Mannes im Juni 1990 in London erwandern. "Think about the people now" verbindet Bild-, Film-, Ton- und Text-Dokumente in einem Programm. Die Benutzer wählen selbst die Route durch die Strassen Londons, um den Geschehnissen während der Remembrance-Day-Parade auf die Spur zu kommen.
Das "Very Nervous System" des Amerikaners David Rokeby zeichnet Bewegungen mit Videokameras auf. In Echtzeit digitalisiert und analysiert, umgewandelt in Sounds, werden diese wieder in die Installation eingespielt. Die Benutzer bewegen sich in einer selbstgesteuerten Klangwelt und erfahren Bewegungen akkustisch, was ein völlig neues Raumgefühl vermittelt.
Insgesamt waren die Kriterien der Jury äusserst fragwürdig: die Prämierten überzeugten nicht immer durch ihre kreative Leistung. Dass oft die verwendeten Geräte den Ausschlag für die Bewertung der Arbeiten gaben, ist z.B. daraus zu ersehen, dass sich keine einzige Frau unter den Preisträgern befand.
Performances
In wenigen Tagen wurden Autos zerhackt, oder nach einem grossen Luftsprung in flüssigem Beton "geparkt", Kinderschwimmbecken und ein Baum in die Luft gesprengt. Während einem Konzert zertrümmerte Flatz (maskiert, kopfüber an einem Seil von der Decke schwingend!) einen Monitor mit der Abbildung der Sängerin.
Die "Dante-Orgel" von Erik Hobijn war eine der wenigen gelungenen Umsetzungen zum Thema: bei der Eröffnungsveranstaltung in einer Maschinenhalle der VOEST-Alpine AG verwendete er für seine Komposition mehrere Flammenwerfer. 20m hoch lodernd, entwickelten sie rasch eine gewaltige Hitze, vor der sich die Zuschauer mit allem Verfügbaren zu Schützen versuchten. Das Bild dieser Flammenorgel verwies eindrucksvoll auf das aktuelle Geschehen am Golf, wo immer noch hunderte, viel gewaltigere Ölquellen brennen.
Künstler präsentieren virtuelle Welten |
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CHIP Computer-Magazin, 1991
© F. Bronner, Berlin
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Vorträge
Der Franzose Raymond Bellour gab Hinweise zum "Geschlecht einer Maschine", die Amerikanerin Kristine Stiles führte in die "Destructive Art" (Zerstörungskunst) ein, und Hans Moravec von der Carnegie Mellon University, USA, erzählte die Geschichte der Robotertechnik.
Lebende Maschinen
Die "Quasis", Pullover auf drei dünnen Beinen, begrüßten die Besucher in der Empfangshalle des Brucknerhauses. Sie waren von ihrem Schöpfer, Nickola Baginsky, mit dem Auftrag versehen, "sich den Menschen anzunähern". Ohne Kopf, aber mit Sensoren und Motoren ausgestattet, reagieren sie auf Geräusche, Bewegung und Wärme. Durch die Verwendung von Single-Chip-Controllern aus der 8051-Familie sind sie billig, stromsparend und unkompliziert aufgebaut. Die Programmierung mittels Neuronalem Netzwerk erfüllt sehr unterschiedliche, komplexe Funktionen und kann veränderten Rahmenbedingungen angepaßt werden. Die "Quasis" entstanden aus der Arbeit der Hamburger Theatergruppe "COAX", wo N. Baginsky bereits seit Jahren Computertechnik erfolgreich mit Experimentellem Theater verbindet.
Installationen
"Die Logik der Schlange": der Franzose Erik Samakh hatte AAMs (Autonome Akustische Module) im alten Stollen unter dem Linzer Schlossberg verteilt. Sie gaben fortwährend froschähnliche Laute von sich. Ihre Tonhöhen änderten sich, sobald Licht auf die "Tierchen" fiel. Den Weg zum Ausgang fand nur, wer ihre Sprache durchschaute.
Jim Whitings Geisterpark des industriellen Zeitalters, "Unnatural Bodies", versammelte in einem Steinbruch mit Druckluft bewegte Skulpturen: mit ihren Bewegungen versuchten sie alle irgendetwas zu erreichen, was oft gelang, jedoch die Anstrengungen wieder von vorne beginnen lies.
Paul DeMarinis ist der Sohn eines Genetikers, der während der Fünfziger Jahre im US-Staat Nevada an Atomwaffentests beteiligt war. In einem großen Raum hatte er eine Wüstenlandschaft in der Dämmerung nachgebildet und darin eine dünne Schicht Glieder ausgestreut, "radioaktiven" Wüstensand: "An Unstetig Matter" (Eine Beunruhigende Sache). Im Mittelpunkt stand eine kleine Schutzhütte, vielleicht auch der Eingang zu einer unterirdischen Bunkeranlage. Wer sich dort hineinzwängte fand einen altertümlichen, aber funktionierenden Geigerzähler, der über Kräutern in einer Schale auch tatsächlich stark ausschlug. Im Lauf der Festivalwoche tauchte der Glitter überall auf, in den Haaren, auf Schuhen, in Gesichtern, im Teppich, selbst an weit vom Brucknerhaus entfernten Plätzen. Überall waren die ARS-Besucher an diesem Glitzern zu erkennen.
Umweltinformationssysteme
"Earth Station": in einem dunklen Saal waren Next-, Silicon Graphics-, Apple- und andere PCs aufgebaut. Farbscanner, Laserdisks, Beamer, Grossbildschirme, Diaprojektoren, ein Mehrkanal-Soundsystem, alles lokal vernetzt und über eine 64KB Standleitung angeschlossen ans Internet - ein multimediales Umwelt-Informationssystem mit Daten zum politischen, ökologischen und ökonomischen Zustand der Erde. Die Technomanie verschüchterte viele Interessierte, ausprobiert wurden meist nur die Ökologiespiele SimEarth und SimCity auf den Macintoshs. Trotzdem handelte es sich bei diesem Projekt um einen interessanten Versuch, denn die mehrdimensionale, graphische und akkustische Darstellung komplexer Zusammenhänge wird zukünftig bei der Lösung unterschiedlichster Probleme eine grosse Rolle spielen.
Für ein digitales Orakel hatten sich die Wiener Margot Pilz und Roland Scheidl zusammengetan. M. Pilz arbeitet schon lange mit Skulpturen, Installationen und Computergraphiken. R. Scheidl hat Informatik und Kunst studiert und untersucht Strukturveränderungen in der menschlichen Kommunikation durch die moderne Technik. "Delphi Digital" war ein solarbetriebenes, öffentliches Terminal mit Anschluß an die internationalen Computernetze. In die zeltförmige Skulptur, symbolisch für das Nomadentum in den elektronischen Netzen, waren verschieden große Bildschirme eingebaut, darauf Videobilder der Planeten. Durch ein Point-Programm, zum automatischen Anloggen an Mailboxen, wurde "Delphi" ständig mit Neuigkeiten aus der Mailboxszene versorgt, und Beiträge der Besucher in den virtuellen Datenraum hinausgeschickt. Die Benutzer liessen sich vom Orakel Fragen zur Umwelt, Politik, o.ä. beantworten, und konnten aktuelle Beiträge in einer individuellen Zeitung ausdrucken.
ARS 1992
Intern haben die Reibereien in der Festivalleitung dazu geführt, dass der bisherige Programmdirektor Gottfried Hattinger zurücktritt. Seine Aufgaben werden von einem Programmkomitee übernommen. Im nächsten Jahr findet die ARS bereits im Juni statt, Thema ist "Endophysik und Nanotechnologie", einen besonderen Schwerpunkt wird das Werk des Entwicklergenies Nikola Tesla bilden. Nachdem heuer wegen Geldmangel die Computermusik fehlte, wird es 1992 auch dafür wieder eine GOLDENE NICA geben.
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